Der Isenheimer Altar



Eine Annäherung

Es gibt keine verlässlichen Hinweise, wie der Isenheimer Altar an seinem ursprünglichen Bestimmungsort gehandhabt wurde. Wir wissen nur, dass die Kranken zum Altar gebracht worden sind. Es gibt keine Überlieferung darüber, wann die verschiedenen Flügel geöffnet oder geschlossen wurden, es sind nur Vermutungen und die wurden von früheren Autoren ohne Prüfung übernommen. Weder aus kunstgeschichtlicher noch aus liturgischer oder kirchlich-ikonografischer Sicht kann man den Aufbau des Altars und seinen Gebrauch erklären. Die einzige Spur seinem Inhalt näher zu kommen bietet sich durch die Kenntnis des Umfeldes seiner Entstehung mit ihrer spirituellen Tradition, aus welchem auch sein Gebrauch bestimmt worden ist.

Die Entstehung und Geschichte des Isenheimer Altars

Colmar Museum Unterlinden

Musèe d’Unterlinden, Colmar, France

Der ursprüngliche Standort des Altars war in der Kirche der Antoniter Präzeptorei in Isenheim. Im Zusammenhang mit seinem Entstehen spielten zwei starke Persönlichkeiten als Präzeptoren in Isenheim entscheidende Rollen: Jean d'Orlier (oder d'Orliac) und Guido Guersi. Sie haben diese Niederlassung in jeder Hinsicht erneuert und zur Blüte gebracht: Mit einer neuen Kirche ausgestattet, die Gebäude erweitert und ausgebaut. Wir wissen über ihre Bildung und ihren geistigen Hintergrund sehr wenig, es ist aber sicher, dass sie beide gebildete, weitgereiste Männer waren, die internationale Kontakte pflegten.

Jean d'Orlier hatte von 1470-1490 das Amt des Präzeptors inne, und mit grösster Wahrscheinlichkeit war er es, der den Auftrag an Niclas Hagenauer für die geschnitzten Teile des Altars vergeben hat: Sein Wappen darin lässt diese Vermutung mit grosser Wahrscheinlichkeit gelten. Einiges deutet darauf hin, dass ein Projekt für den ganzen Altar schon zu seiner Wirkungszeit vorhanden war. Das umfassende, komplexe Gesamtkonzept des Altars mit den 12 Szenen kann nur die Frucht einer langen spirituellen Tradition sein.

Guido Guersi, der zehn Jahre lang als Sakristan in Isenheim dokumentiert ist, hatte Jean d'Orlier in seinem Amt als Präzeptor abgelöst. Er führte das Lebenswerk d’Orlier weiter und mit der Ausführung der Bilder des Altars für die gerade fertig gewordene imposante Kirche Grünewald beauftragt. Der Wandelaltar mit seinen annähernd lebensgrossen Figuren in den geschnitzten und gemalten Szenen wurde mit einem grossartigen Schnitzwerk umrahmt. Er musste auf die Kirchenbesucher einen überwältigenden Eindruck gemacht haben.

Guido Guersi ist im Jahre 1516 gestorben, etwa zur Zeit, als die Bilder fertig gestellt worden sind.

Über den Kunstmaler Grünewald wissen wir mit Sicherheit nur, dass er nicht Grünewald geheissen hat. Diesen Namen hat der Schöpfer des Isenheimer Altars erst 1675 erhalten. Es gibt jedoch stichhaltige Hinweise, dass der Kunstmaler Mathis Nithart, der sich später Mathis Gothart («Stärke in Gott») genannt hat, der Schöpfer dieses monumentalen Kunstwerkes ist. Über sein Leben gibt es nur sehr spärliche Angaben. Die Entstehungszeit der Altarbilder wird mit Sicherheit in die Jahre 1512-16 datiert. Im Lebenswerk des Künstlers ist der Isenheimer Altar ein einmaliges Werk neben den wenigen vorhandenen Einzelbildern.

Als die Kirche in Isenheim im Jahre 1831 den Flammen zum Opfer fiel, waren die Tafeln des Altars schon lange abmontiert und wegtransportiert. Man hatte sie bereits während den Wirren der Französischen Revolution in Sicherheit gebracht.

Nach einigen Umwegen gelangten die Tafeln des Altars 1852 nach Colmar und seitdem stehen sie mit kürzeren Unterbrechungen im Museum Unterlinden, einem ehemaligen Dominikanerinnen-Kloster.

Der Isenheimer Altar ist der bekannteste und kunsthistorisch bedeutendste seiner Art und auch derjenige, der kaum einen Betrachter unberührt lässt. Sein Ruf zieht die Besucher aus der ganzen Welt und alle, die ihm offen gegenübertreten, werden von seiner Botschaft von jenseits der Hirnlastigkeit unserer Zeit direkt erreicht.

DER DREI SCHAUSEITEN DES ALTARS

Die Darstellungen des Isenheimer Altars sind in christlichen Bildern gekleidete innere Zustände und Prozesse des Menschen auf Grund eines kosmologischen Modells. Dieses Modell ist viel älter als das Christentum und es gibt auch noch heute unter uns lebende Wissende, die in seiner Tradition stehen.

Der Altar ist ein sogenannter Flügelaltar, der zweimal geöffnet werden kann. So ergibt sich, dass er aus drei Schauseiten besteht. Diese drei Schauseiten beinhalten insgesamt zwölf Szenen: Davon sind zehn gemalte Bildtafeln von Grünewald und zwei geschnitzte, dreidimensionale Darstellungen, geschaffen von Niclas Hagenauer.

Die erste Schauseite: Das Aufschrecken

Isenheimer Erste Schauseite

Die erste Schauseite des Isenheimer Altars

1. Der hl. Sebastian: Als Modell für das Wesen des Menschen, das er ist. (linkes Standbild).
2. Die Kreuzigungsszene: Das mystische Lebensdrama des Menschen. (grosses Mittelbild).
3. Der hl. Antonius: Als Modell für die Persönlichkeit des Menschen, die er hat. (rechtes Standbild).

In den drei Bildern des geschlossenen Altars wird der aus seiner Alltagswahrnehmung aufgeschreckte Mensch zu dem hingeführt, was sein wirklicher Zustand jenseits seiner Vorstellungen und seiner Konzepte ist. Er kann sich in den Bildern erkennen, so, wie er in das «normale» Leben hineingeboren und durch dessen Prägung geworden ist. Es ist der Zustand des Menschen, der in einem Alltagsbewusstsein lebt vor der Wandlung, vor der «zweiten Erschaffung» des Menschen. Die Bilder geben die kosmische Struktur des noch nicht erwachten, aber kosmisch gesehen bis dahin gesund entwickelten Menschen wieder. Es ist die Wirklichkeit des Menschen, der - analog eines Samenkorns - mit einer Möglichkeit in sich erschaffen ist. Diese Möglichkeit ist die Fähigkeit, durch einen schöpferischen Prozess etwas in sich zu erarbeiten, das den Tod überdauert.

Das Bild der Predella: Ohnmacht

Predella

Predella

Die Grablegung: Die dunklen Tiefen der Seele, die Erfahrung der Hoffnungslosigkeit.

Der Zustand des Menschen, der durch das Vergessen seiner Bestimmung immer wieder in die Dunkelheit zurückfällt, wo ihn Sinnlosigkeit und Verzweiflung überfallen. Die Notwendigkeit, aus den Tiefen des Unbewussten Inhalte heraufzuholen und sie zu erlösen wird in dem Zustand nicht erkannt.

Das Bild ist Bestandteil sowohl der ersten, wie der zweiten Schauseite.

Die zweite Schauseite: Die Wandlung

Zweite Schauseite

Zweite Schauseite

1. Die Verkündigung: Die gereinigte, jungfräulich gewordene Seele des Menschen, die eine grundsätzliche Spaltung überwunden hat, wird aus göttlicher Macht geöffnet und durch ihn befruchtet.
2. Das Engelskonzert: Der Mensch ist in den kosmischen Wandlungprozess eingeschaltet und ist Instrument der sich in jedem Augenblick neu manifestierenden Schöpfung geworden. Sie ist mit Existenz schwanger.
3. Die Geburt Jesu: «Das Wort ist Fleisch geworden». Geburt von Existenz im Menschen als Sinn und Zweck der siebenfachen Schöpfung.
4. Die Auferstehung Christi: Einheitserfahrung, das Zusammenschmelzen von Göttlichem und Menschlichem.

Das Wesen einer Möglichkeit ist, dass sie nur durch die Wandlung zur Verwirklichung, zur Inkarnation führen kann. Durch die Wandlungsfähigkeit des Samens entsteht eine Pflanze, die blüht und Früchte trägt. Durch einen analogen Wandlungsprozess kann der Mensch zu seinem kosmischen Auftrag erwachen und zu seiner Erfüllung heranwachsen. Dieser Prozess ist in vier Phasen auf der zweiten Schauseite dargestellt.

Die dritte Schauseite:
Der erwachte Mensch, in dem «Gott Mensch geworden ist»

Dritte Schauseite

Dritte Schauseite

1. Der Besuch des hl. Antonius beim heiligen Paulus: Austausch zwischen Wesen und Persönlichkeit.
2. Die «Versuchung» des hl. Antonius: Der Mensch, in dem «Gott Mensch geworden ist», wird Instrument der Erlösung.
3. Die Skulpturen des Mittelteils: Der hl. Antonius, links von ihm der hl. Augustinus und rechts der hl. Hieronymus: Die neue Identität des verwirklichten Menschen aus einer höheren Dimension.

Das Wesentliche, das sich in den diesseitig wahrnehmbaren Prozessen des verwirklichten Menschen abspielt, ist in den beiden gemalten Bildern dargestellt.

Der erwachte Mensch bezieht seine Identität aus der neuen Dimension, die sich durch die Wandlung geöffnet hat. Diese höhere Dimension findet ihren Ausdruck in den vergoldeten, geschnitzten, dreidimensionalen Szenen im Vergleich zur Zweidimensionalität der Bilder.

Die dritte Schauseite ist die Darstellung des MENSCHEN, der «in der Welt, aber nicht von der Welt» lebt: In ihm ist Christus Mensch geworden; durch ihn ist «das WORT Fleisch geworden». Er ist fähig geworden, den kosmischen Auftrag, der dem Menschen zugedacht ist, zu erfüllen.

Die Skulpturen der Predella: «Gott ist Mensch geworden»

Predella Skulptur

Predella Skulptur

Christus und die zwölf Apostel: Die Idee des Schöpfers ist in dieser Welt existentiell verwirklicht

Die Zwölfheit mit ihrer Mitte, mit dem Dreizehnten, als kosmische Struktur. Die zwölf Apostel entsprechen den Grundtypen der zwölf Tierkreiszeichen.


Die Ikonographie der Bilder unterscheidet sich an verschiedenen Stellen von den streng vorgeschriebenen Darstellungen der damaligen Zeit. Über den kunstgeschichtlichen Zugang steht man verständnislos manchen solchen Abweichungen gegenüber. Aber gerade diese Bilder zeugen authentisch von den erfahrenen Stationen des inneren Weges. Sie sind sehr exakte bildliche Formulierungen von Zuständen, die in ihrer Komplexität genial komponiert sind.

Einer esoterischen Regel zufolge hat ein Fehler in der Darstellung immer eine Schlüsselfunktion. In diesem Sinne beinhalten die anatomischen und anderen Unstimmigkeiten auf den Bildern Hinweise auf eine innere Ebene der Zusammenhänge. Für einen Künstler wie Grünewald muss es ein grosses Opfer gewesen sein, seine aussergewöhnlich entwickelte Fähigkeiten der genauen Beobachtung und der präzisen Wiedergabe dem Sinn unterzuordnen. Es zeugt von einer grossen innere Unabhängigkeit, die einem nur am Ende des inneren Weges geschenkt wird.

Heute, aus der Sicht von Leuten, die sich an die Interpretation des Altars heranwagen, ist so ein Opfer nicht nachvollziehbar. Für einen freiwilligen Verzicht dieser Art haben wir kaum Verständnis. So werden die Unstimmigkeiten auf den Bildern als Unfähigkeiten und als Lernprozess, im besten Fall als «künstlerische Freiheit» gedeutet. Wie wenn es damals nicht üblich gewesen wäre Skizzen anzufertigen.

© Agnes Hidveghy

Vesica piscis

Johannes der Teufer

CD Isenheimer Altar
Isenheimer Altar - Eine Einführung:
"Vom Sterben auf Golgotha zur Auferstehung aus dem Herzen"
Vortrag Villa Unspunnen 10.3.2006