Der Isenheimer AltarDer Isenheimer Altar steht im Zentrum der Lebensarbeit von Agnes Hidveghy. Seit Ende siebziger Jahre arbeitet sie an der Entschlüsselung des Kunstwerkes.Die vielseitigen Interessen, die Agnes Hidveghy geprägt haben, ermöglichen den Zugang zur komplexen Aussage des Altars. Die Geisteshaltung und das Verstehen aus einer kosmischen Dimension, die dem Werk zu Grunde liegt, kann aus dieser Vielseitigkeit und aus dem eigenen Erfahrungsweg verstanden werden. Die Arbeit von Agnes Hidveghy mit dem Isenheimer Altar entspricht dem wachsenden Bedürfnis unserer Zeit: sie schafft eine Verbindung zwischen verschiedenen Disziplinen. Erst dadurch ist ein befriedigendes Verständnis von Kunst, Wissenschaft, Psychologie und Religion möglich. Agnes Hidveghy baut ihr Verständnis der Bilder auf der Basis von C. G. Jung auf und verbindet es mit ihrem breiten Wissen von der antiken griechischen Kosmologie in der Kunst (Fresken der Villa dei Misteri) bis zum christlichen Weltbild. Die Forschungen von Agnes Hidveghy beinhalten die Geisteshaltung der Antoniter mit einem geschichtlichen Hintergrund, dessen Wurzeln bis zu den Pythagoreischen Lehren zurückgeführt werden kann. Sie weist nach, dass die Kosmologie der Antike, die auf der vier Elementen Lehre aufgebaut ist, ein roter Faden zum Verständnis des Altars bildet. Die Konstruktion der Tafel und der Aufbau des Altars mit den zwölf Szenen ist das Gerüst für den kosmologischen Hintergrund. Die Geisteshaltung der Antoniter wurzelt in einer Tradition, in welcher Elemente des Mittleren Ostens in christlichen Bildern ausgedrückt werden. Der arabische Einfluss, der sich von Spanien her ausbreitete, reichte bis Paris, wo die Präzeptoren wichtiger Niederlassungen der Antoniter studierten. Agnes Hidveghy weist nach, dass die „Pfeiler“ des Christentums, mit den Emblemen der vier Evangelisten, mit der Tradition dieser vier Elementen Lehre übereinstimmen. Auf dieser Basis wurden die einzelnen Szenen bis in die geometrischen Strukturen hinein genauestens konzipiert. (Z. B. Die vier goldenen Säulen in der Szene „Musizierende Engel“ oder die entarteten Symbole der vier Evangelisten auf dem Bild „die Versuchung des Hl. Antonius“.) In der genial aufgebauten Bilderfolge ist das Menschenbild der Antoniter, die am Ende einer Jahrhunderte alten Tradition standen, wie in einer Bildergeschichte eingearbeitet. Diese Sichtweise orientiert sich aus der Erfahrung der Einheit allen Seins heraus an der Ganzheit. Sie enthält das ganze Spektrum des Menschseins, von den körperlichen Bedürfnissen bis zu tiefenpsychologischen Strukturen und dem Eingebettetsein in ein soziales Umfeld mit all seinen Möglichkeiten und ökologischem Nutzen. Das Anliegen von Agnes Hidveghy besteht darin, die Bilder als Darstellung menschlicher Erfahrung in einer Klarheit und Objektivität aufzuschlüsseln, das heute dem Bedürfnis von immer mehr Menschen entspricht. Die Bilder und die unterliegenden exakten, geometrischen Strukturen auf dem Altar folgen nicht immer der gängigen Ikonographie der Kirche. Erst mit einem tiefenpsychologischen Blick kann entdeckt werden, dass sie einer Prozess orientierten Wirklichkeit entsprechen. Agnes Hidveghy hat die Gabe der genauen Beobachtung. Das ist die Basis ihrer Interpretation. (Studium Mathematik, Physik) Sie lässt kein Detail unbeachtet (Z. B. die hebräische Aufschrift auf dem irdenen Gefäss in der Geburtsszene) Gleichzeitig behält sie die Sicht der Zusammenhänge, die von der ersten bis zur letzten Szene eine Einheit bilden. Sie hat die Fähigkeit, die reine Aussage aus der Verkleidung in den Bildern der Zeit herauszulösen und für das heutige Verständnis neu zu formulieren. Sie ist damit Vorreiterin der heutigen Zeit, in welcher sich Wissenschaft mit der Religiosität eines individuellen Erfahrungsweges verbinden kann (Bruno Binggeli: Primum Mobile). Sie holt sowohl das Religiöse aus der Nische der Isolation, als auch die rein abstrakte Betrachtung der Kunstgeschichte und verbindet sie mit existentiell erfahrbaren Prozessen von heute. © Agnes Hidveghy
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